Marokko
Unsere
Trips letztes Jahr nach Arco, Verdon, Finale und last but not least Sanetsch und
Salbit haben die Messlatte für gute Sportkletterei in die Höhe getrieben, so
dass zum Jahresabschluss nur ein Reise auf eine exotische Insel in Frage
gekommen ist.
Weil diese Insel weniger Regen als Spanien, mehr leichte Routen als Thailand und
weniger Touristen als Finale haben musste, ist aus der Insel ein Kontinent
geworden und die Idee einer Reise nach Marokko wurde geboren.
George du Todra
Zwei Monate und ein paar Kurven in bestem Pulverschnee später stehen wir zu
sechst in Genf. Die Splittergruppe Paul und Louis fliegt zusammen mit Michel
Piola nach Casablanca. Gerda, Kari, Mini und ich bekommen in letzter Minute
einen direkten Flug nach Marrakech, wo wir ein paar Stunden später einen
Mietwagen übernehmen. Unser Renault sieht zwar nicht sehr geländeerprobt und wüsten-tauglich
aus, doch was nicht ist, kann ja noch werden ...
Obwohl wir erst eine Stunde in Marokko in Marokko sind, knüpft Kari bereits
erste Kontakte mit den Eingeborenen, was anderntags darin gipfelt, dass wir in
einem Teppichladen ein kleines Vermögen los werden. Wenigstens sind die
Teppiche und die dafür bezahlten Preise hervorragend, wovon ein hartnäckiger Zöllner
Kari heute noch überzeugen will.
Mit
unserem Kletterhunger fahren wir trotz grosser Kälte und Schnee bald weiter über
den Tizi-n’Tichka Pass 2260 m nach Ouarzazate und schliesslich Tinerhir, dem
Ausgangspunkt für die George du Todra. Die Einfahrt in die Todra Schlucht
beginnt sehr eindrücklich; beidseitig weisen senkrechte 300 Meter Wände aus
schokoladebraunem Kalk den Weg.
Unten im
Schluchtgrund fliesst ein Bach, der ab und zu auch grössere Ausmasse annimmt
und Autos frisst. Eine Strasse oder eher Piste führt entlang, über und in
diesem Bach und zieht weiter zu den höher gelegenen Dörfern des Mittleren
Atlas. Abgesehen von ein paar alten Bedford Lastern, die voll mit Berbern zum nächsten
Marktplatz fahren und diese abends voll wieder heimbringen, ist die Strasse
ziemlich ruhig.
Mitten
in der Schlucht befinden sich unter einem gewaltigen Überhang die Hotels les
Roches und Yasmina. Obwohl beide im Winter wenig Sonne bekommen, sind sie bei
Kletterern und/oder Kiffern gleichermassen beliebt. Sie sind preiswert und wenn
man ein paar Getränke selber mitnimmt, lässt sichs dort ein paar Tage leben.
Wir
klettern in den Sektoren Playa Mansour, Poissons sacrés, Petite George, Les
jardins und Pilier Couchant mit seinen Zehnseillängen Touren. Die anderen Wände
lassen wir im Schatten liegen, schliesslich sind wir wegen der Sonne nach
Marokko geflogen. Je nach Windrichtung und Temperatur wechseln wir die Sektoren,
die alle nahe beieinander liegen und bequem von der Strasse aus erreichbar sind.
Klettern oberhalb marokkanischer "Schrebergärten" Sektor "le jardin"
Die
endlosen Sand- und Schotterpisten eignen sich hervorragend für Schleuder-kurse
oder ein kleines Rennen gegen Louis’ Peugeot, doch unser gerdasches Früh-warnsystem
bremst unsere männlichen ? Rallygelüste enorm. Während Gerda, Kari und Paul
mit den Kamelen fleurten, besteigen Mini, Louis und ich die höchsten Dünen.
Diese riesigen Sandhügel erinnern Louis an den Biancograt, so dass wir in
seinem Windschatten sein gnadenloses Achttausendertempo kennenlernen. Die
Aussicht über die Sandlandschaft bis weit nach Algerien ist einzigartig und
macht Lust auf weitere Saharatouren. Im kleinen Dorf Merzouga finden wir ein
tolles Hotel mit einem Dach aus Stroh und Lehm und der besten Wüstenband im
Umkreis von hundert Kilometern. „Les foux du désert“ spielen auf seltsamen
Instrumenten; sie singen und tanzen wie die Wilden.
In
Er Rachidia verlassen uns Paul und Louis. Sie reisen mit Bus und Zug weiter nach
Fès, Meknés, Rabat und schliesslich Casablanca. Wir hingegen wollen noch
einmal in die Todra Schlucht. Nach eifrigem Topostudium (8 Semester) finde ich
eine aussergewöhnliche Route am Pilier Couchant, mit der wir ins neue Jahr
klettern wollen. Hinter dem kohlesäurehaltigen Mineralwassernamen „Sidi
Harazem“ verbirgt sich eine aussergewöhnliche Tour mit sechs fantastischen
Seillängen im siebten Grad. Nachdem ich Kari und Mini für die Tour überredet
habe, entfällt Frage Nr. 1 „Wer steigt vor ?“ und ich komme mit der
Geschwindigkeit einer Pershing auf Frage Nr. 2 „Wo ist der erste Haken ?“
Das Fragen gebe ich bald auf und geniesse den fantastischen Fels und die
Aussicht auf die imposante Schlucht.
Nach
zwei tollen Wochen fliegen meine fünf Freunde in die Schweiz zurück und ich
ziehe noch eine Woche alleine weiter. Bei einem Gespräch mit Spaniern habe ich
vom höchsten Berg Marokkos gehört und den Jebel Toubkal sogleich eingeplant.
Auf einer kleinen Lastwagenpritsche eingepfercht zwischen einem Rudel Berbern
gelange ich von Asni nach Imlil, dem Ausganspunkt für den Toubkal. In Imlil
verkauft sich jeder als Führer und behauptet, dass er zuhause eine Landkarte
hat und er mich wahnsinnig gerne zum Tee einladen würde. Bereits um ein paar
Erfahrungen reicher, lehne ich dankend ab. Mittlerweile habe ich keine Lust
mehr, mich nach dem Teetrinken stundenlang zu wehren, damit ich keinen
Silberschmuck oder irgendeinen Teppich kaufen muss.
Weil ich in Imlil keine Bergsteiger antreffe, mache ich mich am nächsten Tag alleine auf den anfangs ziemlich guten Weg. Bald schon komme ich den Schnee und dieser wird immer tiefer, so dass ich froh bin, um die Mittagszeit die Neltnerhütte auf 3207 m zu erreichen. Zu meinem Erstaunen ist die Hütte bewartet und der junge Hüttenwart hat ein paar alte Tourenskis, die er von Europäern geschenkt bekommen hat, in der Ecke stehen; meine Augen beginnen zu leuchten. Damit er keine kalten Füsse bekommt, hat er die Tourenschuhe angezogen, was meine Verhandlungsposition ein wenig schwächt. Als typischer Marokkaner - den Händler haben sie wahrlich im Blut - erkennt er meine Begierde und verlangt einen horrenden Preis für die Skitourenausrüstung. Als untypischer Europäer lasse ich in warten und siehe da, der Preis schmilzt wie Schnee in der Sonne. Zwar verliere ich eine Stunde durch das Gefeilsche, doch dieses Spiel gehört zu Marokko. So steige ich noch am gleichen Nachmittag mit den viel zu langen Skis und den grossen Schuhen auf den 4167 Meter hohen Jebel Toubkal. Im Gipfelaufstieg zu Fuss komme ich mir ausgesprochen klein vor, die Luft ist dünn und die 2500 Höhenmeter Tagesleistung sorgen für schwere Beine. Auf dem Gipfel bin ich natürlich wieder der Grösste: alleine auf einem Viertausender, Marokko zu Füssen, die Sahara im Auge und das Meer im Rücken.
Wasserverkäufer
Der
Fels sieht auf den ersten Blick aus wie brauner Sandstein aus Utah, ist jedoch
Kalk mit einer Struktur wie in den Calanques.
Die Zustiege in der Todra haben die gleich angenehme Kürze wie im Verdon: parkieren,
anseilen, los geht’s. Die George du Todra ist zwar nicht das einzige
Klettergebiet Marokkos, doch sicher das bei weitem grösste und bekannteste. Auf
der Speisekarte stehen gegen 300 Routen zwischen 5+ und 8a mit
1 - 10 Seillängen und mehrheitlich guten Absicherungen. Weil sich die Routen
auf zahlreiche Sektoren verteilen, findet man immer eine Wand mit ansprechenden
Wind- und Sonnenverhältnissen. Es gibt keinen Führer, doch liegen einzelne
Topos in den Hotels auf und in regelmässigen Abständen bringen französische
und spanische Klettermagazine gute Topos.
In der
Schlucht sind zwei einfache Hotels und ausgangs Schlucht beim Klettergebiet
Playa Mansour ein weiteres. Alle drei sind einfach und preiswert, stehen aber im
Winter beinahe den ganzen Tag im Schatten. In Tinherir, dem nächstgelegenen
Dorf, hat es mehrere Hotels und Zeltplätze.
Während den 10 Tagen über Neujahr, die wir in der Schlucht waren, haben wir
nur etwa 30 Kletterer gesehen, Vermutlich kommt die grosse Meute erst, wenn der
erste Führer gedruckt wird.